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DIE ZEIT
21/2004
Stadt der Decken
Vier Monate nach dem Erdbeben in Bam: Der Iran tut kaum etwas für den
Wiederaufbau
Von Navid Kermani
Bam
Bei Nacht könnte man die Stadt für ein großes Ferienlager
halten. Die
Zelte, die alle Bürgersteige und Plätze füllen, sind mit Glühbirnen
erleuchtet. Davor sitzen die Menschen und scheinen sich darüber zu
freuen, weder der Kälte der Winterabende noch der Hitze der
Frühlingstage ausgesetzt zu sein. Kinder spielen, Lagerfeuer brennen,
hier und da raucht jemand Wasserpfeife. Die Palmengärten, in denen die
Stadt liegt, erzeugen die unvergleichlich milde Luft einer Oase. Je
näher der Besucher kommt, desto deutlicher zeichnet sich jedoch, einem
Schattenriss ähnlich, der Schrecken ab: die Ruinen, die sich hinter den
Zelten türmen. Der Ausdruck der Gesichter, der aus der Ferne entspannt
wirkt, stellt sich als apathisch heraus. Kaum jemand spricht. Vier
Monate nach dem Erdbeben liegt die Hoffnung in Bam noch immer in Schutt
und Asche.
Immer wieder hatten wir gehört und gelesen, dass der Aufbau in Bam kaum
vorankomme, aber der Anblick, der sich uns am nächsten Morgen bietet,
übertrifft die Befürchtungen: Die Stadt ist weiterhin der Trümmerhaufen,
zu dem sie der 26. Dezember 2003 gemacht hat. Die 40000 Gebäude, die wie
Kartenhäuser in sich zusammengebrochen sind, geben das gleiche Bild der
Verwüstung ab, wie es Ende vergangenen Jahres durch die Welt gegangen
ist. 500 Bagger seien im Einsatz, sagt Resa Aschk, der in der
Stadtverwaltung für die Planung des Wiederaufbaus zuständig ist – wir
sehen einen ganzen Tag lang keinen einzigen. Gut, es ist Freitag,
Feiertag also in Iran. Aber die Stadt macht nicht den Eindruck, als
könnte sie am nächsten Tag betriebsam werden. Nur vereinzelt lassen sich
Baustellen ausmachen. Ansonsten scheinen die Ruinen den Überlebenden
überlassen worden zu sein. Wo ist der Staat? Wo sind all die Spenden
geblieben, die weltweit gesammelt worden sind? Die Fragen drängen sich
nicht bloß beim ersten Augenschein auf: „Obwohl der Staat alle Spenden
an den Roten Halbmond weiterleitet, ist uns nur ein kleiner Teil dieser
Hilfen ausbezahlt worden“, klagt Ahmad Ali Nurbala, der die iranische
Partnerorganisation des Roten Kreuzes leitet. „Wir wissen nicht, in
wessen Händen der Rest der Hilfen ist.“ Auch eine Delegation des
Parlaments, in dem zur Zeit noch die Reformer die Mehrheit haben, übte
nach einem Besuch in Bam scharfe Kritik an den Behörden und verlangte
„Aufklärung über den Verbleib mancher ausländischer Hilfsgüter, die
nachweislich in das Land eingeführt worden sind“.
In Bam fehlt es noch immer am Nötigsten: an Trinkwasser, an Toiletten,
an Duschen. Die Frauen spülen Geschirr und Kleidung mit Abwässern. In
den Zelten herrscht schon jetzt, im Frühjahr, die Hitze einer Sauna. Die
weltberühmte Festung, die der Stadt einst unzählige Touristen beschert
hat, ist so zerstört, dass ein Wiederaufbau kaum denkbar erscheint.
Viele Dattelpalmen, neben dem Fremdenverkehr die zweite wichtige
Einnahmequelle der Stadt, verdorren, wahrscheinlich weil ihre Besitzer
umgekommen sind und sich niemand um die Pflege kümmert. Das Schlimmste
aber ist: Es fehlt jede Perspektive, jedes Anzeichen einer Besserung.
Anfang März hat sich die Wut der Bewohner in einem spontanen Aufstand
entladen. Polizisten wurden mit Steinen angegriffen, der Gouverneur von
Bam, Ali Schafie, von einer aufgebrachten Menge verprügelt. Seit den
Unruhen, so erfuhr der Guardian, verweigern die Behörden in Teheran
ausländischen Journalisten die Genehmigung, nach Bam zu reisen. Sie
haben guten Grund für die Zensur: An keinem anderen Ort Irans stechen
die Verwerfungen und Verrottungen der Islamischen Republik im dritten
Jahrzehnt ihres Bestehens so schmerzlich ins Auge. Es ist nicht die
Gewaltherrschaft, die Unterdrückung, der ideologische Eifer, die die
Menschen in Bam und anderswo aufbringen. Es sind die Lügen und der
Diebstahl, es ist die Gier und der Dünkel. Was die Korruption an Hilfe
übrig gelassen hat, zerfrisst die Unfähigkeit. Derart grotesk ist das
Missmanagement, dass Misstrauische darin schon fast eine Strategie
sehen. So stellten die Behörden eilig Container außerhalb der Stadt auf,
nachdem die Menschen Anfang März dagegen protestiert hatten, dass sie
noch immer in Zelten wohnen müssen – aber die meisten Container stehen
bis heute leer. Weil es den Behörden nicht gelingt, die Sicherheit in
der Stadt zu gewährleisten, weigern sich die Menschen, jene
Hilfsbehausungen zu verlassen, die sie selbst vor ihren Ruinen oder in
ihren Gärten aufgeschlagen haben.
Die Katastrophe nach der Katastrophe, sagt ein alter Mann, seien die
Plünderer gewesen, die die Stadt heimgesucht hätten. 100000 Einwohner
hatte die Stadt vor dem Erdbeben. Danach waren es 30000. Heute leben
200000 Menschen in Bam. Die Zuwanderer sind aus den Dörfern der Umgebung
gekommen, aus der Wüste Balutschistans, sogar aus dem Norden Irans – auf
der Suche nach Arbeit vor allem, aber oft auch, um an die Hilfsgüter zu
gelangen oder zu stehlen, was das Erdbeben übrig gelassen hat. Eine Frau
berichtet, dass ihr sogar der schmutzige Topf, den sie beim Spülen einen
Augenblick lang aus den Augen verloren hatte, gestohlen wurde. Aber es
ist wohl zu einfach zu sagen, dass alles Unheil von außen kam. In der
Stadt selbst ist mit der Erde auch das soziale und moralische Gefüge
erschüttert worden. Drogen haben sich epidemisch ausgebreitet. Niemand
glaubt mehr an die Versprechen politischer oder religiöser Autoritäten.
Jeder weiß, dass er nur noch auf sich und seine Familie zählen kann.
Was einigermaßen geklappt hat, wenn auch um wertvolle Stunden zu spät,
sind die elementaren Hilfsleistungen: Auf den ersten Blick leidet
niemand Hunger. Die befürchteten Epidemien konnten bislang abgewehrt
werden. Die Straßen sind befahrbar. Händler haben ihre Waren auf
Marktständen ausgelegt; sogar ein Teehaus hat am Rande einer
Straßenkreuzung seine Planen aufgeschlagen. Aber zur Routine geworden
ist nicht das Leben, sondern der Notfall. Es fehlt jeder Hinweis auf
einen klug organisierten, entschlossen betriebenen Wiederaufbau. Die
Regierung lässt Zelte, Kleidung und Decken in ausreichendem Maße
verteilen, aber denkt nicht daran, Zement für den Wiederaufbau zur
Verfügung zu stellen. Weil also allein die Nachfrage den Preis bestimmt,
ist der Baustoff nirgends in Iran so teuer wie ausgerechnet in Bam.
Private Initiative wird auf diese Weise im Keim erstickt. Wer von den
Bewohnern Geld hat, investiert es nur selten in den Wiederaufbau.
Und dennoch sind private Initiativen das Einzige, was Hoffnung weckt, in
Bam und in Iran. Auch bei früheren Katastrophen kannte die
Hilfsbereitschaft der Bevölkerung kaum Grenzen. Wohltätigkeit ist für
die meisten Iraner immer noch eine Selbstverständlichkeit. Aber anders
als noch bei dem Erdbeben von 1990 im Nordosten Irans, das 50000
Menschen das Leben gekostet hat, spenden die Menschen nicht mehr einfach
nur Geld, Medikamente oder Kleidung – sie organisieren die Hilfe selbst.
Der Islamischen Republik vertraut kaum ein Bürger sein Geld an. Die
Berufsverbände, die politischen Organisationen, die sich in den letzten
Jahren gegründet haben, die Intellektuellen und die Studenten nutzen
eigene Netzwerke, um den Menschen zu helfen: von der psychologischen
Betreuung der Kinder über den Bau von öffentlichen Toiletten und Duschen
bis zur Verteilung von Tampons. Die Katastrophe von Bam hat nicht nur
den maroden Zustand des Landes vor Augen geführt. In ihr beweist sich
auch, dass die Zivilgesellschaft Irans sich entwickelt.
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