| |
Aus der Financial Times Deutschland vom 16.9.2004
Militärschlag gegen Iran wird wahrscheinlicher
Von W. Proissl, H. Wetzel, G. Dinmore, T. Klau und R. Koch
In den USA und Europa kommen Außenpolitiker zu der Einschätzung, dass
die atomaren Ambitionen der iranischen Regierung mittelfristig nur durch
einen Militärschlag zu stoppen sein könnten. Besonders in Europa ist die
Beunruhigung über das Atomprogramm groß.
"Wenn die Iraner so unklug sind, die europäischen Forderungen zu
ignorieren, wenn sie ihr Atomwaffenprogramm fortsetzen und sich dabei
der Einsatzfähigkeit nähern, dann könnte das für die USA Grund genug für
einen Militärschlag sein", sagte Charles Grant, Direktor des Centre for
European Reform in London und Vertrauter des britischen Premiers Tony
Blair. "Das könnte mit der stillschweigenden diplomatischen
Unterstützung geschehen."
Auch Analysten im Umkreis der Regierung von US-Präsident George W. Bush
sagen, militärische Optionen gegen den Iran würden erwogen. Hochrangige
Mitarbeiter im Weißen Haus betonen, Bush schließe keine
Handlungsmöglichkeit gegen den Iran aus, glaube aber noch an eine
diplomatische Lösung.
Streit über den wirksamsten Weg
Ein Militärschlag galt noch bis vor kurzem als unrealistische Option.
Doch die Weigerung der konservativen Regierung in Teheran, glaubwürdig
jedem Streben nach Atomwaffen abzuschwören, förderte einen
Meinungsumschwung. Erst am Mittwoch sagte der weiter extrem
einflussreiche iranische Ex-Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani:
"Wir sagen entschieden: Wir können niemals das Recht unserer Nation
preisgeben, Nukleartechnologie zu entwickeln." Bei der
Gouverneursratssitzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in
Wien streiten Europäer und Amerikaner zurzeit über den wirksamsten Weg,
Teheran zu einer Aufgabe seiner nuklearen Ambitionen zu bewegen.
Besonders in Europa ist die Beunruhigung groß. Bundesaußenminister
Joschka Fischer warnt die iranische Führung regelmäßig vor "fatalen
Fehlkalkulationen." In Berlin und anderen westlichen Hauptstädten setzt
sich die Erkenntnis durch, dass Teheran sehr rechnet. Die USA gelten bei
den Konservativen in der iranischen politischen Klasse durch den
Irak-Krieg als stark geschwächt. Die Europäer werden hingegen als
unentschlossen eingeschätzt und als unfähig, militärisch zu handeln.
Deshalb glaubt man in Teheran, auf der Basis des zivilen
Nuklearprogramms gefahrlos auch die Produktion von Atomwaffen
vorbereiten zu können.
"Dramatische Veränderung" der Region befürchtet
Eine Nuklearisierung des Iran würde zu einer "dramatischen Veränderung"
der strategischen Lage im gesamten Nahen Osten führen, so die Analyse im
EU-Ministerrat in Brüssel. Ein atomarer Rüstungswettlauf in dem Gebiet
dürfte beginnen. "Wir könnten eine Region bekommen, die von Israel bis
Pakistan atomwaffenfähig ist", sagte der CDU-Politiker und Chef des
Außenausschusses im EU-Parlament, Elmar Brok.
Dann könnten die Iraner mit ihren Mittelstreckenraketen überdies Europa
atomar angreifen. "Es ist nicht auszuschließen, dass der Konflikt dann
auch die EU erreicht", hieß es bei der Union. "Und dann wäre auch
die
Nato mit drin", sagte ein Vertreter der Allianz in Brüssel.
Tatsächlich plädiert in der US-Regierung derzeit niemand offiziell für
einen Militärschlag in kurzer Frist. Das hat einen einfachen Grund:
Derzeit sind die notwendigen Tarnkappenbomber und andere
Militär-Hardware gar nicht in der Region.
Militärschlag Israels möglich
Doch nach den Präsidentenwahlen am 2. November könnten technische
Fortschritte der Iraner die Amerikaner zum Handeln zwingen. "Das
Fenster, Iran durch Militärschläge zu entwaffnen, schließt sich im Jahr
2005", heißt es bei der US-Militärdenkfabrik Globalsecurity.org. Denn
dann würden Schlüsselatomanlagen ihre Arbeit aufnehmen. Der Irak hat
nach Angaben von Globalsecurity.org etwa ein Dutzend verdächtiger
nuklearer Einrichtungen.
Die USA könnten dann zum Handeln genötigt werden, um einen Militärschlag
Israels zu vermeiden. Israel würde Atomwaffen in iranischen Händen als
eine Bedrohung seiner Existenz sehen und auf jeden Fall militärisch
dagegen vorgehen, sagen Sicherheitsexperten.
John Pike, der Direktor von Globalsecurity.org, hält einen
US-Militärschlag für machbar. Dieser müsse allerdings sehr umfassend
sein. Eine große Zahl von Einrichtungen, die verbunkert sind und von
guter Luftabwehr verteidigt werden, müssten gleichzeitig getroffen
werden. Doch niemand könne ausschließen, dass Teheran wie auch Nordkorea
geheime Anlagen betreibe, von denen die USA nichts wissen. "Es besteht
das Risiko, dass Teheran am Tag nach einem Präventivschlag einen
Atomtest durchführt", so Pike.
© 2004 Financial Times Deutschland
|