|
Der kritische
Dialog ist tot
IRAN /
Die Amerikabegeisterung ist ungebrochen
„Europa wirkt halbherzig“
|
|
|
Katajun
Amirpur ist Islamwissenschaftlerin und schrieb ein Buch über die
iranische Nobelpreisträgerin Schirin Ebadi. Foto: dpa
|
RHEINISCHER MERKUR:
Der von den USA ausgehenden Greater-Middle-East-Initiative haben sich auch
die Europäer angeschlossen. Deutet die breite Unterstützung des Westens darauf,
dass die Idee gut ist?
KATAJUN AMIRPUR:
Die meisten Menschen und Regierungen in der islamischen Welt sehen das leider
anders. Sie sagen zum Westen: Ihr hattet doch bisher kein Problem damit,
diktatorische Regime zu unterstützen. Wie sollen wir glauben, dass es euch
jetzt mit der Demokratisierung ernst ist?
Ist das nicht ein
vorgeschobenes Argument von Regierungen, um die Demokratie zu unterdrücken?
Ja, das zeigt
das Beispiel des ägyptischen Staatschefs Mubarak, der seine Teilnahme am
G-8-Gipfel abgesagt hat. Viele Regierungschefs wissen: Wenn sie Demokratie einführen,
werden sie als Erste gehen müssen.
Kann der Westen im Mittleren
und Nahen Osten Glaubwürdigkeit zurückgewinnen?
Es wird mit
jedem Tag schwieriger, vor allem durch die Ereignisse im Irak. In der
arabisch-islamischen Welt wird der Westen so wahrgenommen, als gehe es ihm gar
nicht um Demokratie. Vor allem die Folterbilder haben den Eindruck erweckt, das
Reden von Menschenrechten sei nur vorgeschoben. Ich würde sogar sagen: Die
USA haben ihr Vertrauen in weiten Teilen der arabischen Welt unwiderruflich
verspielt.
In einem Land der Region ist
die Amerikabegeisterung nach wie vor groß, nämlich im Iran.
Der Iran ist ein
absoluter Sonderfall. Die Menschen dort haben 25 Jahre lang unter einer
islamischen Regierung gelebt und sind das System gründlich leid. Sie wünschen
sich westliche Werte. Die Iraner empfinden auch keine Solidarität mit anderen
Arabern, deshalb hat sich an ihrer Amerikabegeisterung durch den Irakkrieg nicht
viel verändert. Anfangs haben sogar viele im Iran gehofft, auch von den USA befreit
zu werden. Diese Stimmen sind natürlich leiser geworden. Aber die Bevölkerung
hofft noch immer auf starken Druck aus Washington auf das Regime in Teheran,
weil im Land selbst der Reformprozess ins Stocken gekommen ist.
Warum ist gerade der Iran dem
westlichen System gegenüber so positiv eingestellt?
Bei allen
wichtigen Indikatoren – zum Beispiel Wirtschaft, Bildung, Zugang zum Internet
– steht der Iran weit besser da als andere arabische Länder. Mehr als 60
Prozent aller Studienanfänger an der Universität Teheran sind Frauen. Mit
Begriffen wie Rechtsstaat und Demokratie können die Iraner etwas anfangen.
Kann der Westen aus dem
Beispiel Iran etwas lernen?
Bisher kommen
eigentliche Reformimpulse nur aus dem Iran selbst. Die USA tun eigentlich nicht
mehr, als das Regime zu boykottieren. Das wird ihnen in diesem Fall aber nicht
als Aggression ausgelegt, sondern viele Menschen fassen es als Ermutigung auf.
Weil sie Druck machen, genie- ßen die USA im Iran übrigens einen weit besseren
Ruf als die Europäer. Der kritische Dialog zwischen dem Iran und der EU ist
tot. Europa wird als halbherzig und unentschlossen wahrgenommen.
Dafür besitzen die Europäer
in anderen Ländern der Region einen deutlich höheren Kredit als die USA . . .
Sie haben zwar
einen besseren Ruf, aber es herrscht nicht wirklich der Eindruck, dass aus
Europa Reformimpulse kommen.
Was können die Europäer tun?
Sie müssen den Mittleren
und Nahen Osten wirklich zu einer politischen Priorität entwickeln,
vergleichbar beispielsweise dem Einsatz der deutschen Außenpolitik für das
Existenzrecht Israels. Des Weiteren muss klar werden, dass die EU
Menschenrechtsverletzungen genau so ernst nimmt wie einen Verstoß gegen den
Atomwaffensperrvertrag. Schließlich ist die Handelspolitik ein ganz wichtiges
Feld, der Zugang arabischer Länder zum Weltmarkt.
Das Beispiel Iran sehen Sie
als Hoffnungszeichen dafür, dass auch der Islam einen guten Weg finden kann.
Warum?
Im Iran hat sich
der Islamismus diskreditiert. Die Menschen sind so überzeugt von Demokratie und
Menschenrechten, dass sie entgegenstehendes islamisches Recht nicht mehr
akzeptieren. Das hat zu einer Reformdebatte unter Theologen geführt, zu vielen
neuen Methoden und Inhalten, letztlich zur Liberalisierung der Religion.
Bedeutet das für andere Länder: Der
politische Islamismus wird letztlich besiegt, weil er den Praxistest nicht
besteht?
Im Prinzip ist
das so. Aber die Erfahrungen sind in jedem Land anders. Vielerorts wird zurzeit
gerade im Islamismus die Alternative zu autokratischen Regimen gesehen, in
Saudi-Arabien zum Beispiel. Im Moment gilt in vielen Ländern eher: Je
radikaler die Imame dort auftreten, desto attraktiver wirken sie auf die
Menschen. Es mag zynisch klingen, aber vielleicht ist der Islamismus eine
Erfahrung, die manche arabische Gesellschaft erst machen muss, um für die Einführung
eines säkularen demokratisches Systems wirklich bereit zu sein.
Das Gespräch führte
Robin Mishra.
|