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Friedbert Pflüger, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU
Bundestagsfraktion (Foto: Deutscher Bundestag)
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Birke: Herr Pflüger, keine NATO-Truppen für den
Irak, keine Detaileinigung über den Schuldenerlass. Tut sich denn hier
nicht wieder eine Kluft im Verhältnis zwischen dem alten Europa und der
Bush-Administration auf?
Pflüger: Überhaupt nicht. Ich finde Sea
Island, der G8-Gipfel und vor allen Dingen die UNO-Resolution zwei Tage
vorher, das sind zwei Ereignisse, die erstmals seit langer Zeit wieder
einen gewissen Optimismus hinsichtlich der Entwicklung des
transatlantischen Verhältnisses, aber auch Optimismus gegenüber der Lage
im Irak begründen. NATO-Kampftruppen dort hin zu schicken, das wäre,
glaube ich, in der Tat eine Überforderung des Bündnisses. Wir haben
jetzt gerade mit der Ermordung der chinesischen Arbeiter in Afghanistan
gesehen, wie schwierig der Weg in Afghanistan noch ist. Dort hat sich die
NATO und auch die Bundeswehr sehr stark engagiert und wir müssen auch
aufpassen, dass wir uns nicht verzetteln und übernehmen. Deshalb ist es
richtig und findet unsere Unterstützung, dass der Bundeskanzler gesagt
hat, wir werden nicht blockieren, zum Beispiel die zur Verfügungstellung
von Facilitäten bei der Ausbildung. Aber wir werden nicht Kampftruppen in
den Irak schicken. Das war auch immer unsere Position.
Birke: Sie sprachen eben von Überforderung des
Bündnisses. Sehen Sie das eher unter logistischen oder unter politischen
Aspekten?
Pflüger: Ich würde sagen, vor allen Dingen
geht es um die Frage: Wer kann jetzt noch zusätzliche Truppen bereit
stellen? Die Bundeswehr jedenfalls nicht. Wir sind auf dem Balkan
engagiert, wir sind in Afghanistan engagiert. Die Bundeswehr hatte in den
letzten Jahren jedes Jahr neue Aufträge von der Regierung zugesprochen
bekommen und jedes Jahr weniger Geld. Wir können im Moment gar nicht,
selbst wenn wir wollten. Aber es gibt keine Anfrage von Bush. Wir haben
keine Verstimmung. Jetzt haben wir, finde ich, das erste Mal seit langer
Zeit, auch hinsichtlich des Irak, wieder einen transatlantischen Konsens.
Herr Bush hat vielleicht ein bisschen verstanden, dass er trotz der Größe
Amerikas nicht alles im Alleingang machen kann. Schröder und Chirac haben
vielleicht ein bisschen verstanden, dass es vielleicht nicht sehr klug
war, mit Russland ein Gegengewicht, eine Gegenachse zu bauen. Man findet
jetzt zurück zu einer Partnerschaft und das es dabei auch jetzt noch
unterschiedliche Auffassungen in Einzelfragen gibt, zum Beispiel beim
Schuldenerlass, wen wundert es? Das ist immer so gewesen in der Geschichte
des Bündnisses. Im Großen und Ganzen, im Grundsatz ziehen jetzt die
transatlantischen Partner wieder an einem Strang. Das ist eine gute
Nachricht.
Birke: Welche Rolle könnte denn die NATO übernehmen,
denn wer soll den das Loch, was womöglich die Polen, die ja auch
Abzugsgedanken hegen, momentan, hinterlassen? Wer soll dieses Loch füllen?
Pflüger: Die NATO kann nicht Löcher stopfen.
Die NATO kann nicht unter einem amerikanischen Kommando irgendwo in einem
Teilgebiet, etwa für die Polen, einspringen. Das ist unrealistisch und
ich glaube auch, dass das von keinem in dieser Form gewollt worden ist.
Nein, wir haben ja jetzt im Irak eine neue Situation. Wir haben jetzt eine
UNO-Resolution, wir haben eine irakische Regierung, die international
anerkannt ist. Wir haben dadurch für die multinationalen Truppen, die
dort von der Koalition stationiert sind, eine ganz andere
Legitimationsgrundlage. Bisher waren das Besatzer, jetzt sind es Beschützer
eines demokratischen Übergangsprozesses und einer neuen irakischen
Regierung. Dadurch, glaube ich, wird sich nicht sofort, aber im Laufe der
nächsten Monate die Lage stabilisieren. Ich würde auch allen anraten,
die unmittelbaren Nachbarn des Irak noch stärker in den
Stabilisierungsprozess einzubinden: Saudi-Arabien, Türkei, Iran, Syrien,
Jordanien, Kuwait. Die haben alle ihre Interessen im Irak und die muss man
vielleicht in Form einer Kontaktgruppe mit den Vereinten Nationen
vielleicht stärker zur Geltung bringen, als das bisher der Fall gewesen
ist.
Birke: Wie soll das denn im Einzelnen geschehen?
Georg Bush, der amerikanische Präsident, hatte ja vor, eine Initiative
zur Demokratisierung des Nahen Ostens in Sea Island zu starten. Aber das
Ganze scheint, außer Worthülsen, nicht viel geworden zu sein.
Pflüger: Nein. Also das finde ich nun wirklich
eine Schwarzmalerei. Die Amerikaner haben schon sehr frühzeitig, vor
Monaten, eine große Partnerschaftsinitiative für den Nahen und Mittleren
Osten, für Nordafrika, eine Partnerschaft mit der arabischen Welt
vorgeschlagen. Die Europäer haben zu Recht im Vorfeld des Gipfels darauf
hingewiesen, dass man den Eindruck vermeiden muss, als wollten wir ihnen,
eins zu eins, unser System überstülpen. Es ist ein Angebot zur
Partnerschaft. Aber es ist doch sehr wichtig und sehr gut.
Birke: Wobei im Kern doch aber vor allen Dingen
der israelisch-palästinensische Konflikt erst einmal gelöst werden müsste,
oder?
Pflüger: Beides zusammen. Man sollte nicht
sagen, man darf nicht sagen, dass diese Partnerschaftsinitiative für den
größeren Mittleren Osten ein Ersatz ist. Aber umgekehrt können wir
damit nicht warten, bis der israelisch-palästinensische Konflikt gelöst
ist. Er ist unendlich wichtig zu lösen für unser Verhältnis zur
arabische Welt, aber darüber hinaus sollten wir uns nicht daran hindern
lassen, von der Nichtlösung dieses Konfliktes im Moment unser Verhältnis
zu den Länder der arabischen Welt im Besonderen zu verbessern, unsere Märkte
zu öffnen, Entwicklungshilfe zu leisten, sinnvolle Entwicklungshilfe zu
leisten, auswärtige Kulturpolitik zu machen, die Länder mit ihren
Problemen und Sorgen besser zu verstehen und deutlich zu machen, dass Sie
für uns mehr sind, als eine Tankstelle.
Birke: Und noch kurz zum Schluss die Frage: Wer
sollte die G8 zur G9 machen? Indien oder China?
Pflüger: Also, ich würde sagen, wenn, dann
muss man wahrscheinlich beide nehmen. Man sollte das sehr genau überlegen.
Je größer ein Gipfel wird, desto ineffektiver wird es. Ich finde, wir
sollten das in aller Ruhe in den nächsten Wochen und Monaten beraten.
Vielleicht darf ich noch mal sagen, ich glaube, dass dieser Gipfel
wirklich den Anlass zu einer gewissen Hoffnung bringt. Natürlich, bei der
Schuldenfrage gibt es nach wie vor Meinungsunterschiede. Aber
Meinungsunterschiede sind etwas, was wir immer im Bündnis gehabt haben,
wie ja auch zum Beispiel bei der Frage der Mitgliedschaft der Türkei in
der EU.
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