| |
Herr
Präsident! Meine Damen und Herren!
Es
ist zu begrüßen, dass sich die Fraktionen hier auf einen gemeinsamen Antrag
geeinigt haben und dass die Grundposition des Hauses voll in der Kontinuität
der bisherigen deutschen Außenpolitik steht: Unser Sonderverhältnis zu Israel
als Partner und Freund gründet auf der historischen und moralischen
Verantwortung unseres Landes für die Verbrechen des Holocaust.
Daraus
ergibt sich eine besondere Beziehung. Sie lässt sich daran festmachen, dass das
Existenzrecht Israels – das heißt auch das Recht seiner Bürger, ohne Angst
vor Terror und Gewalttaten zu leben – für uns von zentraler Bedeutung ist.
Dieses Recht ist für uns unantastbar und mit niemandem verhandelbar. Das sind
die Grundlagen, die seit Konrad Adenauer unbeschadet der Zusammensetzung der
Bundesregierung gelten und zu den Grundfesten dieses Hauses gehören. Es ist
wichtig, dass wir das bei einer solchen Debatte nochmals unterstreichen.
(Beifall
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Meine
Erfahrung ist, dass es unsere arabischen Partner und Freunde schätzen, wenn sie
wissen, woran sie sind. Es nützt nichts, hier einen Zweifel aufkommen zu lassen.
Meine Erfahrung ist, dass man auch und gerade mit der arabischen Seite viel
vertrauensvoller umgehen kann, wenn bei diesen Grundsatzfragen Klarheit besteht.
Die
gegenwärtige Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass der Friedensprozess
stagniert, dass die mörderischen Terroranschläge gegen Männer, Frauen und
Kinder in Israel fortgeführt werden. Auch auf der palästinensischer
Seite kommen unschuldige Menschen – Kinder, Zivilisten – zu Tode. Das Leid hält
also auf beiden Seiten an.
Auch
die Alternativen sind klar: Ich denke, dass man hier nochmals unterstreichen
muss, was Präsident Bush in seiner Rede am 4. Juni letzten Jahres definiert
hat, nämlich dass auf der Grundlage, dass zwei demokratische Staaten, Israel
und Palästina, friedlich Seite an Seite leben, die Lösung gefunden werden
muss.
Nun
zur Bedeutung der Genfer Initiative. Zunächst lassen Sie mich festhalten, dass
alle Elemente x-mal durchdiskutiert worden sind. Alle Details bezüglich der
Wasserfrage, der Sicherheit und der territorialen Abgrenzung bis auf die Ebene
der einzelnen Straßen usw. – man muss nur in die Schubladen beider Seiten
greifen – sind nicht zehnmal, nicht hundertmal, sondern vermutlich tausendmal
in den Verhandlungen durchdiskutiert worden. Selbst Elemente zur Lösung der
schwierigsten Fragen, wie der Status von Jerusalem und das Rückkehrrecht der Flüchtlinge
und Ähnliches, sind vorhanden. Das eigentliche Problem ist also nicht, dass man
nicht weiß, wie der Endstatus aussehen soll. Vielmehr geht es hier um eine
Frage des politischen Willens und jenseits davon auch der Mehrheits- und
Zustimmungsfähigkeit der Vorschläge.
Die
große Resonanz, die der Vorschlag einer Zweistaatenregelung, der von
Privatleuten, also von Nichtregierungsmitgliedern, gekommen ist – darauf wurde
hingewiesen –, international, aber auch in Israel und auf palästinensischer
Seite gefunden hat, hat klar gemacht, dass ein Vakuum existiert, was die
Friedensperspektive betrifft. Die Genfer Initiative verdient genau unter dem
Gesichtspunkt, dass ein historischer Kompromiss zwischen diesen beiden Völkern
in diesem langen tragischen Konflikt denkbar geworden ist, weil Elemente zur Lösung
vorhanden sind, Unterstützung.
(Dr.
Friedbert Pflüger [CDU/CSU]: Richtig!)
Die
Schwierigkeit liegt aber, wie gesagt, in dem Weg dorthin. Hier ist es aus
unserer Sicht unverzichtbar, an der Roadmap festzuhalten.
Bei
allen Schwierigkeiten, die gegenwärtig groß sind, möchte ich folgende
Erfahrung in Erinnerung rufen. Eine Folge des Scheiterns des Abkommens von Camp
David, wo die USA unter Präsident Clinton noch allein verhandelt haben, war,
dass der frühere amerikanische Senator Mitchell einen weiteren Anlauf unternahm
und die so genannten Mitchell-Vorschläge unterbreitete. Was ist von diesen so
genannten Mitchell-Vorschlägen geblieben? Zum ersten Mal in der Geschichte des
Nahostkonfliktes haben die wesentlichen internationalen Akteure eine gemeinsame
Position vertreten. Das mag auf den ersten Blick wenig sein, aber die
Gemeinsamkeit der internationalen Staatengemeinschaft ist meines Erachtens von
zentraler Bedeutung. USA, Europa, Russland und die Vereinten Nationen, vertreten
durch den Generalsekretär, haben versucht, die Dinge in dieselbe Richtung zu
bewegen.
Diese
Erkenntnis ist in das Quartett, in dem Europa durch Javier Solana vertreten ist,
mit eingeflossen. Insofern rate ich dringend dazu, dieses Element auf keinen
Fall infrage zu stellen und aufzugeben. Es ist von überragender Bedeutung. Wenn
dieses Quartett auseinander fallen würde, würden jeweils beide Seiten wieder
versuchen, wie wir es in den Jahrzehnten vorher oft erlebt haben,
unterschiedliche Positionen bei unterschiedlichen Partnern voranzubringen,
getreu dem Motto: Funktioniert es diesseits des Atlantiks nicht, geht man auf
die andere Seite und umgekehrt. Das sind für mich die entscheidenden Punkte,
die für die Roadmap als eine Vereinbarung, die von der internationalen
Staatengemeinschaft getragen wird, sprechen. Lassen Sie mich Folgendes in
Richtung FDP sagen:
Erstens
glaube ich, dass die Tonalität eine große Rolle spielt. Wenn Ihr Antrag vom
Deutschen Bundestag angenommen worden wäre, dann hätten wir – das prophezeie
ich Ihnen – in Israel großen Interpretationsbedarf und hätten das Gegenteil
von dem erreicht, was das Haus will und was ich voll unterstütze.
(Dr.
Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Richtig!)
Gerade
in diesem sensiblen Konflikt kommt es nicht nur darauf an, wie wir die Dinge
sehen, sondern auch darauf, wie wir wahrgenommen werden. Unsere Geschichte ist
zwar oft Last, aber im Nahostkonflikt haben wir uns Vertrauenskapital auf beiden
Seiten erworben, und zwar nicht erst diese Bundesregierung; ich habe vorhin
darauf hingewiesen, dass das eine lange Tradition hat. Damit sollten wir sorgsam
umgehen. Das heißt, mit allen, mit denen wir sprechen, müssen wir aufgrund der
existenzbedrohenden Situation und der Ängste, die auf Existenzbedrohung gründen,
sehr sensibel umgehen. Deshalb freue ich mich, dass hier der Ton insgesamt –
die Tonalität ist, wie gesagt, oft sehr wichtig im Nahostkonflikt – ein
anderer ist. Mir fehlt jetzt die Zeit, um darauf näher einzugehen.
Ein
zweites wesentliches Element, um das es gegenwärtig geht – diese Diskussion
hat in Israel begonnen und wird auf palästinensischer Seite schon länger geführt
–, ist die Frage der Demographie. Wenn man die demographische Struktur
erhalten will – wir unterstützen das mit dem Existenzrecht Israels, eines jüdischen
Staates Israel –, wird an einer Zweistaatenlösung kein Weg vorbeiführen können;
denn alles andere würde dazu führen, dass die demographische Struktur eines
nicht allzu fernen Tages dem jüdischen Charakter des Staates Israel zuwider
laufen würde.
Das
Dritte ist: Terror und Gewalt müssen ein Ende haben. Das Vierte ist: Die Palästinenser
müssen eine Perspektive haben. Weiterer territorialer Verlust wird von ihnen
nicht hingenommen werden. Das sind die Elemente, mit denen wir es beim
Siedlungsbau und beim Abbau von Siedlungen in Wirklichkeit zu tun haben.
Ich
kann Ihnen versichern: Die Bundesregierung wird weiterhin versuchen, den mühseligen
Prozess der Annährung zu unterstützen, ihn zu begleiten, Ideen zu entwickeln,
weil es sich um einen Konflikt handelt, der in einer hochgefährlichen Region
stattfindet. Sosehr ich für eine Initiative für den Nahen Osten bin, wie sie
von amerikanischer Seite nach den Ereignissen vom 11. September 2001 überlegt
wird, glaube ich nicht, dass diese Initiative erfolgreich sein wird, wenn man
meint, sie um den Nahostkonflikt herum umsetzen zu können. Wir werden uns nicht
zur Geisel dieses Konfliktes machen dürfen, aber wir werden ihn auch nicht
ausklammern dürfen.
(Beifall
bei Abgeordneten der SPD)
Es
ist notwendig, darüber in der Zukunft Diskussionen mit unseren amerikanischen
Partnern zu führen.
Meine
Damen und Herren, die Lösung des Nahostkonfliktes ist gewiss nicht alles. Der
Nahostkonflikt ist auch nicht für alle negativen Entwicklungen im Nahen Osten
verantwortlich; solchen Behauptungen muss man entgegentreten. Seit der Gründung
des Staates Israel im Jahre 1948 wurde der Konflikt immer wieder dafür benutzt,
von dem Versagen von nationalen Eliten, unhaltbaren Zuständen, mangelnder
Entwicklungsperspektive und Ähnlichem mehr abzulenken. Es wird jedoch, ohne
dass der Nahostkonflikt auf dem Wege eines historischen Kompromisses gelöst
wird, einen dauerhaften Frieden in der Region nicht geben. Auch das ist ein
wesentlicher Punkt, den wir beachten müssen. Auf dieser Grundlage werden wir
versuchen, den Prozess voranzubringen. Die Genfer Initiative war dafür ein
bedeutendes Signal und verdient als solches jede Unterstützung. Aber klar muss
auch sein: Der Weg führt über die Roadmap, über den Zusammenhalt der
Staatengemeinschaft und vor allen Dingen über die Beendigung von Terror und
Gewalt.
Ich danke Ihnen.
(Beifall
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der CDU/CSU)
|