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Der Irak-Krieg hat im Mittleren Osten eine geopolitische
Revolution ausgelöst
«Erneuerung»
oder «Neugestaltung» des Nahen Ostens: So lauteten die Schlagworte,
welche den Irak-Krieg begleitet haben und nun am G-8-Gipfel mit einer
diplomatischen Initiative ergänzt werden sollen. Die militärische
Besetzung des Zweistromlandes durch die USA hat die Region indessen auf
geopolitischer Ebene bereits gehörig durcheinander gewirbelt.
Volker
Perthes*
Obwohl
der Irak-Krieg auch nach mehr als einem Jahr nicht die von seinen
amerikanischen Befürwortern versprochenen revolutionären Domino-Effekte
gebracht hat, stellt dieser Feldzug eine geopolitische Revolution im
Mittleren Osten dar: Zum ersten Mal seit der Dekolonialisierung wurde ein
arabischer Staat durch eine ausserregionale Macht erobert und besetzt.
Dabei haben die umliegenden Staaten keine nennenswerte Rolle gespielt.
Bedeutung erlangten sie allenfalls als logistische Standorte oder als
Hindernisse einer zügigen Umsetzung der US-Kriegspläne.
Die
USA sind nun die stärkste Militärmacht im Mittleren Osten, und sie haben
bisherige regionale Führungsmächte wie Ägypten oder Saudiarabien ihres
Status beraubt. In diesen neuen politisch-strategischen Verhältnissen dürften
drei Themenkomplexe von Bedeutung sein: die regionale Machtstruktur, die
Zukunft regionaler Institutionen und Organisationen sowie die Chancen
externer Ordnungsprojekte.
Obsolete Kräftekalkulationen
Man
muss davon ausgehen, dass die USA sich in näherer Zukunft trotz dem
Widerstand gegen ihre militärische Präsenz weder aus Irak noch aus der
Region zurückziehen werden. Da die USA mittlerweile nicht nur in der Luft
– «over the horizon» – sondern auch am Boden zur stärksten Militärmacht
im Mittleren Osten geworden sind, wird ein Grossteil der traditionellen Kräftekalkulationen
überflüssig werden – die so beliebten Tabellen über militärische
Balancen im Nahen und Mittleren Osten, bei denen syrische Panzer
israelischen oder iranische Kampf-jets saudiarabischen gegenübergestellt
werden.
Zumindest als Erklärungsfaktoren für politische Prozesse können solche
Statistiken nicht mehr dienen. Tatsächlich dürfte die Fähigkeit
regionaler Akteure, in politischen Balanceübungen ihre Position zu
verbessern, sehr viel wichtiger werden als ihre Ausstattung mit bestimmten
Waffensystemen.
In diesem Zusammenhang muss auch die nahöstliche Debatte über
Massenvernichtungswaffen gesehen werden. Amerikanischer und europäischer
Druck ist zwar dabei nicht unwichtig; wichtiger jedoch dürfte für
Staaten wie Libyen und Iran, Syrien oder Saudiarabien sein, dass ihnen
solche Waffen unter den gegebenen Verhältnissen wenig nützen – nicht
einmal mehr zur Abschreckung überlegener Gegner und sicher nicht als
Instrumente regionaler Machtpolitik.
Keine regionale Führungsmacht
Die
vielleicht wichtigste Veränderung der strukturellen Machtverteilung
innerhalb des regionalen Systems scheint darin zu liegen, dass auf
absehbare Zeit kein Staat mehr die Rolle einer regionalen oder
subregionalen Vormacht einnehmen wird. Keine der potenziellen regionalen
Vormächte – Ägypten, Saudiarabien und selbst Israel – wird in der
Lage sein, die Region selbständig zu dominieren oder eine
Stellvertreterrolle für die USA zu übernehmen; alle werden ihre Politik
im Lichte der direkten Anwesenheit des neuen amerikanischen «Nachbarns»
bestimmen müssen. Kleinere und schwächere Staaten werden ihre
Beziehungen zu den USA praktisch gleichgestellt mit den regionalen Mittelmächten
und ohne deren Vermittlung gestalten können.
So hat auf der Arabischen Halbinsel Saudiarabien ganz offensichtlich den
subregionalen Hegemonialstatus eingebüsst, den es während der Siebziger-
und Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts inne hatte. Damals hätten die
kleineren Staaten des Golf-Kooperationsrats keinen entscheidenden aussen-
oder innenpolitischen Schritt unternommen, ohne bereits im Vorfeld
saudische Wünsche und Bedenken in ihre Planungen einzubeziehen. Der
Herrscher von Bahrain etwa hätte sich eben nicht durch Rangerhöhung zum
König mit dem saudischen Monarchen auf eine Stufe gestellt oder
allgemeine Wahlen abgehalten; das Emirat Dubai hätte keine «Medienfreizone»
geschaffen, in der selbst saudiarabische Investoren Medienfreiheit
geniessen.
Institutionelle Reorientierungen
Heute
jedoch schauen diese kleineren Staaten eher nach Washington als nach Riad,
wenn sie sich Sorgen machen, wie andere auf ihre politischen Initiativen
oder Vorhaben reagieren könnten. Und die saudische Führung betrachtet
ihrerseits mit einiger Aufmerksamkeit, was sich innenpolitisch bei ihren
kleineren Nachbarn tut – nicht zuletzt, um eigene Reformoptionen
auszuloten.
Auch Ägyptens regionaler Einfluss ist geschrumpft. Nach dem ersten
Golfkrieg von 1991 wurde noch über eine sicherheitspolitische Rolle
Kairos am Persischen Golf diskutiert; heute ist davon keine Rede mehr. Ägypten
wird sich darauf konzentrieren müssen, in seinem näheren Umfeld eine
konstruktive Rolle zu spielen – sei es als Vermittler zwischen den
Israelis und den Palästinensern oder zwischen den verschiedenen palästinensischen
Gruppierungen.
Bezeichnenderweise hatte Ägypten keinen Anteil am Ausgleich zwischen
Libyen und den USA sowie Grossbritannien. Kairo ist auch, trotz der
enormen sicherheitspolitischen Bedeutung für Ägypten, nicht in die
sudanesischen Friedensgespräche mit den Rebellen des Südens eingebunden.
Ähnliches gilt für Syrien, dessen Vorherrschaft über Libanon sich dem
Ende zuzuneigen scheint – sowohl aufgrund amerikanischen wie europäischen
Drucks. Mit eine Rolle spielt ebenfalls die abnehmende Überzeugungskraft
von Damaskus, die Kontrolle des Nachbarlandes mit Blick auf die
sicherheitspolitische Lage in Libanon oder im Nahen Osten zu legitimieren.
Die Arabische Liga ist zwar schon häufiger totgesagt worden; der
Irak-Krieg und seine Folgen dürften sie aber tatsächlich auf Dauer
geschwächt und als Mitgestalter regionaler Politik aus dem Spiel geworfen
haben. Dies könnte zu einer Neuorientierung bestehender oder auch zur Gründung
neuer regionaler oder subregionaler Organisationen beitragen, die sich im
Gegensatz zur Liga nicht über ethnische Identitäten (wie den
Panarabismus), sondern über gemeinsame funktionale Interessen definieren.
Ein Beispiel für diese Entwicklungstendenz sind die wiederholten Treffen
der Nachbarstaaten Iraks. Diese Gruppe, zu der sowohl die arabischen wie
auch die nichtarabischen Nachbarn Iraks gehören, wurde mit dem begrenzten,
aber konkreten Ziel ins Leben gerufen, die Politik dieser Länder im
Irak-Krieg und in seiner Folge abzustimmen. Es wäre zweifellos sinnvoll,
wenn das internationale Nahost-Quartett (USA, EU, Russland und die Uno)
gemeinsam mit dieser Gruppierung eine «6+4+1-Kontaktgruppe für Irak» (Nachbarn,
Quartett und irakische Regierung) bilden würde.
Diese könnte sich zur Basis eines sicherheitspolitischen
Koordinationsmechanismus entwickeln, um schrittweise sicherheits- und
vertrauensbildende Massnahmen im Mittleren Osten zu vereinbaren und auf
den Weg zu bringen. Die Schaffung neuer Institutionen macht diese natürlich
noch nicht zu besseren oder effektiveren Agenturen als die bereits
existierenden Organisationen – ihren praktischen Nutzen bei Krisenprävention
und Konfliktlösung müssten sie erst noch beweisen.
Externe Ordnungsprojekte
In
der internationalen Debatte nach dem Irak-Krieg ist trotz den
Schwierigkeiten, denen sich die USA und ihre Verbündeten in Irak
ausgesetzt sehen, sehr viel von der Erneuerung, Neugestaltung oder
Neuordnung des Nahen Ostens die Rede. Grossartige Begriffe wie «Greater
Middle East» und «Greater Middle East Initiative» (vgl. rechte Seite)
dienen dabei nicht selten dazu, über den Mangel an konkreten Ideen und
Instrumenten hinwegzutäuschen, solche Veränderung auch tatsächlich in
die gewünschte Richtung zu lenken. Bezeichnenderweise scheint das «weiche»
Element in der Nahost-Strategie der Regierung Bush, die so genannte Middle
East Partnership Initiative (MEPI), eine blosse Kopie des
EU-Barcelona-Prozesses zu sein, die sich lediglich durch ihre umfassendere
geopolitische Reichweite und ihre geringere finanzielle Ausstattung
auszeichnet.
Regionale Akteure dürften weiterhin einige Energie aufbringen, um
Strategien und Projekte, die externe Planer für die Region entwerfen, möglichst
effektiv zu unterwandern. Ungeachtet ihrer Abhängigkeiten von
internationalen Grossmächten geben diese Staaten regionalen und lokalen
Vorgängen hohe Priorität und sind deshalb bereit, für die Verteidigung
ihrer Eigeninteressen wesentlich höhere Kosten in Kauf zu nehmen als
jeder externe Akteur.
In dieser Hinsicht bestätigen die Entwicklungen nach dem Irak-Krieg eine
Beobachtung, die Leonard Binder bereits vor 45 Jahren machte, als er
feststellte, dass von aussen in die Region projizierte Macht durch die
Dynamiken des regionalen oder subregionalen Systems «gebrochen» wird. Während
des Kalten Kriegs erklärten Wissenschaftler wie der Nahost-Historiker L.
Carl Brown dieses Phänomen, indem sie die Fähigkeit regionaler Akteure
aufzeigten, externe Mächte gegeneinander auszuspielen und sie entgegen
ihren Interessen in regionale Konflikte hineinzuziehen.
Zwar lassen sich weder die USA noch die EU momentan auf solcherlei
Verhaltensmuster ein. Der so genannte Krieg gegen den Terrorismus dürfte
den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens jedoch neue Möglichkeiten eröffnen,
die USA, Europa oder auch Russland in ihre innenpolitischen oder
regionalen Konflikte hineinzuziehen. US-Truppen, die im Süden Algeriens
die algerische Armee im Kampf gegen den Terrorismus unterstützen oder in
Jemen Jagd auf mutmassliche Al-Qaida-Anhänger machen, mögen da nur ein
Anfang sein.
Der Fall der Statuen
Die
Entwicklungsperspektiven der Region werden schliesslich auch von den
politisch-psychologischen Auswirkungen des Irak-Kriegs geprägt sein. Auf
globaler Ebene lässt sich der Fall des Regimes in Bagdad mit dem Fall der
Berliner Mauer vergleichen. Während jedoch das Ende der kommunistischen
Regime in Mittel- und Osteuropa von den Einwohnern dieser Länder selber
zustande gebracht wurde, wurden die Statuen und das Regime Saddam Husseins
von einer fremden Armee gestürzt. Welche Auswirkungen dies auf lange
Sicht auf die politische Psychologie und Kultur sowohl Iraks als auch der
arabischen Gesellschaften haben wird, ist noch unklar. Sicher ist nur,
dass sie beachtlich sein werden.
zur
person
*
Volker Perthes
ist Leiter der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika der
Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Sein jüngstes Buch, «Geheime
Gärten. Die neue arabische Welt», erscheint in Kürze in einer neu
bearbeiteten Taschenbuchausgabe beim Goldmann-Verlag in München.
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