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Projekt Groß-Nahost
Die Politik der Bush-Regierung stößt bei Arabern auf Misstrauen
Von Rudolph Chimelli
Napoleon hatte den Hintergedanken, den Orient nach dem Vorbild des
revolutionären Frankreichs umzugestalten, als seine Truppen in Ägypten
landeten. Der Plan ging schief. Die Briten wollten nach dem Ersten
Weltkrieg aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches Nationalstaaten
nach europäischem Muster schneiden - unter ihrer Kontrolle. Den späteren
Irakern verkündete General Stanley Maude auf dem Vormarsch, er komme
nicht als Eroberer, sondern als Befreier. Aber schon bald musste die
Royal Air Force, die damals noch nicht so hieß, Bombenflugzeuge gegen
die Widerspenstigen aufbieten.
Jetzt schlägt die Stunde für das amerikanische Projekt des größeren
Nahen Ostens - oder sie schlägt nicht. Denn die Chancen stehen denkbar
schlecht. Im Gebiet zwischen Atlantik und Himalaya, von Mauretanien bis
Pakistan, leben 600 Millionen Menschen, ein Zehntel der Erdbevölkerung.
Sie unterscheiden sich durch Geschichte, Abstammung, Sprachen,
wirtschaftlichen Entwicklungsstand, politische Interessen, und sie haben
nur eines gemeinsam: den Islam.
Alles, was aus den USA und speziell von Präsident George Bush kommt,
stößt in der arabisch-islamischen Welt auf größtes Misstrauen. Die
Amerikaner werden weniger nach ihren Absichtserklärungen beurteilt, als
nach ihren Taten im Irak und in Afghanistan. Noch schwerer wiegt in den
Augen der Muslime, was sie in Palästina nicht tun.
Und es lässt sich ja nicht einmal behaupten, dass maßgebliche Köpfe in
Washington einer solchen Kulturkampf-Optik entgegentreten würden. Bushs
Beraterin Condoleezza Rice etwa und Verteidigungsminister Donald
Rumsfeld haben bereits kurz nach Aufkommen des Projekts
¸¸Demokratisierung der arabischen Welt" Parallelen gezogen zwischen der
beabsichtigen Modernisierung von Groß-Nahost und dem Helsinki-Abkommen
von 1975, das in die Befreiung des Sowjetblocks und dessen
Demokratisierung mündete.
Dabei ist es nicht so, als ob die arabisch-islamische Welt Reformen und
Demokratie nicht brauchen könnte. Was das Projekt theoretisch enthält,
entspricht weitgehend dem, was Kritiker in der arabischen Welt seit
Jahrzehnten selbst fordern - und wofür sie verfolgt werden: Freiheit,
Wahlen, die diesen Namen verdienen, Bekämpfung der allgegenwärtigen
Korruption, Verwendung des Erdölgeldes für die Entwicklung. Die Könige,
Präsidenten und Generäle der Region wissen genau, dass sie ausgespielt
hätten, wenn sie sich dem Mehrheitswillen ihrer Völker fügen müssten.
Sie sägen die Äste nicht ab, an denen Macht und Wohlstand für sie
wachsen. Aber ernsthaft besorgt müssen sie nicht sein. Wenn Bush sich
beeilt, dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak oder dem tunesischen
Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi Fortschritte zu bescheinigen, dann
wirkt dies auf alle im Nahen Osten, die sich nach Reformen sehnen,
kontraproduktiv. Das ist nicht die Freiheit, die sie meinen. Denn gerade
die Milliarden, die Amerika alljährlich an Ägypten für seinen Frieden
mit Israel zahlt, haben Mubarak in die Lage versetzt, Reformen zu
verschleppen und das Klima für die Selbstbedienung von Ägyptens Eliten
hervorgebracht.
Niemand in Groß-Nahost übersieht auch die wahren Gründe der
amerikanischen Aussöhnung mit dem Pakistaner Pervez Musharraf oder die
Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen mit den algerischen Militärs und
anderen Lichtgestalten. Es geht auch überzeugender.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.172, Mittwoch, den 28. Juli 2004 , Seite 2
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