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Haschemi Rafsandschani Wird in der „Süddeutschen Zeitung“ vorgestellt

Iran und sein heimlicher Drahtzieher Ali Akbar Haschemi Rafsandschani -
die Verästelungen eines Familien-Imperiums
Und der Haifisch, der hat Pläne
Vier Monate nach der manipulierten Parlamentswahl versuchen die
Konservativen, ihre Macht trotz liberaler Einflüsse weiter zu festigen


Von Rudolph Chimelli

Teheran - Viele nennen ihn Kusseh, den Haifisch. Diese Bezeichnung geben
Iraner gern einem erwachsenen Mann, dem kein Bart gewachsen ist, so wie
Ali Akbar Haschemi Rafsandschani. Für den 69-Jährigen ist dieser Mangel
nie ein Hindernis gewesen - und das in einem Land, in dem dichte
Haarkränze die Gesichter hoher Würdenträger rahmen, in dem jeder
Männlichkeitsbewusste seinen Schnauzbart pflegt und in dem Staatsdiener
ihre Linientreue mindestens durch Fünf-Tage-Stoppeln beweisen müssen,
wenn sie den Posten behalten wollen.

Rafsandschani war zwei Mal Staatspräsident. Er ist Vorsitzender des
mächtigen Schlichtungsausschusses, der die Konflikte zwischen dem
bisherigen, von Reformern beherrschten Parlament, und dem geistlichen
Verfassungsgericht schlichten sollte, der aber in Wahrheit vier Jahre
lang alle wichtigen Reformgesetze beerdigte. Wenn Rafsandschani die
Freitagspredigt in der Teheraner Universität hält, erfährt das Land, in
welche Richtung der geistliche Wind die politischen Mühlen dreht.

Und wenn im nächsten Jahr die Amtszeit des Reform-Präsidenten Mohammed
Chatami abläuft, steht Rafsandschani wieder bereit. Kein Name wird für
die Nachfolge so oft von Eingeweihten genannt wie der des ¸¸feuerfesten
Phönix" aus dem staubigen Dorf Bahraman bei Rafsandschan im Zentrum
Irans. Er ist ein Allwetter-Mullah: Die Konservativen haben die
Sicherheit, dass er nie an die Substanz und an ihre Privilegien rühren
wird. Die Reformer mögen ihn nicht, aber sie erinnern sich, dass er als
Pragmatiker die Exzesse aus der Frühzeit der Islamischen Republik
bremste, nachdem er 1989 Staatschef geworden war. Das Volk verabscheute
ihn am Ende so sehr, dass er bei der vorletzten Wahl zur Madschlis, dem
Parlament, nicht einmal auf den 30. und letzten Abgeordneten-Platz der
Hauptstadt Teheran gewählt wurde. Dennoch könnte Rafsandschani für alle
das kleinere Übel werden. ¸¸Er hat gegenwärtig keine Pläne für eine
Kandidatur, sagt sein Bruder Mohammed Haschemi vor Verantwortlichen
seiner Partei des Aufbaus. ¸¸Außer, die Umstände zwingen ihn."

Einer der Reichsten

Mit den Umständen ist Rafsandschani immer fertig geworden. Sie haben ihn
zu einem der reichsten Männer des Landes gemacht. Das US-Magazin Forbes
setzte ihn schon vor Jahren auf den 46. Platz seiner Liste der größten
Vermögen der Welt. Seither kann die Lage für ihn und seinen Clan nur
besser geworden sein, und der Spitzname ¸¸Haifisch" bezieht sich
vorwiegend auf seinen finanziellen Appetit. Vorsichtige Schätzungen
seines Besitzes gehen von einer Milliarde Euro aus, iranische
Wirtschaftskreise glauben an das Mehrfache.

Grundstock des Familienvermögens sind riesige Pistazien-Plantagen in der
Gegend von Rafsandschan. Derzeit läuft ein Projekt für den Bau eines
Staudamms samt Tunnel und Rohrleitung, die das Wasser des Flusses Karun
fast 400 Kilometer weit zum ¸¸größten vom Menschen geschaffenen Wald der
Erde", Rafsandschanis Pflanzungen, bringen soll. Mit öffentlichem
Zuschuss für die Rafsanjan Development Organization, versteht sich.
Firmen in Japan, China, Italien und Deutschland sind interessiert.

Es lohnt sich, die Verästelungen des Finanz-Imperiums genauer
anzuschauen. Denn sie sind exemplarisch für das, was binnen eines
Vierteljahrhunderts aus der ¸¸Revolution der Barfüßigen" in Iran
emporgewachsen ist: ein dichter Filz aus politischer Macht und Geld,
gegründet auf religiösen Gehorsam. Ungewöhnlich ist nur der Umfang des
Rafsandschani"schen Familienunternehmens. Aber nirgends in der
Islamischen Republik lässt sich ein großes Geschäft - und kaum ein
kleines - ohne Profit-Beteiligung von regimenahen Klerikern machen.

Schon vor dem Sturz des Schahs hatte Rafsandschani an Immobilien- und
Baugeschäften viel verdient, obwohl er als Gegner der Monarchie vier
Jahre im Gefängnis verbrachte. Das Revolutionsregime überführte den
Besitz prominenter Schah-Anhänger in Stiftungen, die größte davon,
gewidmet den Barfüßlern von einst und den Kriegsveteranen, besitzt
Fabriken, Ländereien, internationale Fracht-Unternehmen, die größte
Limonadenabfüllung des alkoholfreien Landes sowie Hotels wie das frühere
Hilton. Mit Methoden, die sogar für die Regierung schwer durchschaubar
sind, beherrschen die Stiftungen einen erheblichen Teil der iranischen
Wirtschaft. Was sie mit ihrem Geld machen, ist für Außenseiter kaum
kontrollierbar. Nur schwer kommt das Finanzamt an sie heran, denn sie
stehen unter der Protektion des geistlichen Führers Ali Chamenei. Die
Weltbank taxiert das Besitzvolumen der Barfüßler-Stiftung auf mehr als
drei Milliarden Euro, ein Mitarbeiter der Teheraner Handelskammer eher
auf zehn Milliarden.

Während der Neunzigerjahre wurde die Stiftung von Rafsandschanis
Schwager Mohsen Rafikdust geleitet: Der starke Mann diversifizierte
derweil kräftig. So produzierte noch vor 15 Jahren Irans Auto-Industrie
nur 12 000 Personenwagen. Heuer werden es eine Million sein,
über-wiegend in Kooperation mit asiatischen und französischen Marken.
Rafsandschani ist dabei. Seiner Familie gehören Fe-rien-Zentren auf der
Golfinsel Kisch, in Dubai, Goa und Thailand, wo Iraner vom Stress des
islamischen Lebensstils Erholung suchen, ferner die private Fluglinie
Mahan Air mit ihren acht Airbussen und zwölf Tupolews. Eine Finanzgruppe
unter Führung eines Strohmannes baut im Wüstenscheichtum Dubai derzeit
für 250 Millionen Euro eine Skipiste unter einer riesigen Glaskuppel. In
Europa werden weitere Anlagen für flüssiges Kapital gesucht.

An Geld fehlt es nicht. Der Öl-Boom füllt die Staatskassen und sorgt für
ein nominelles Wirtschaftswachstum von acht Prozent in diesem Jahr - auf
einem Markt von 70 Millionen Menschen. An der Teheraner Börse, wo
freilich nur 360 einheimische Aktien gehandelt werden, stiegen die Kurse
innerhalb von zwölf Monaten um 130 Prozent. Die Flugzeuge nach Iran sind
voll. Und überall, wo sich etwas tut, stoßen Partner auf die Rafsandschanis.

Der älteste Sohn des Patriarchen, Mohsen, leitet den Bau der
Untergrundbahn von Teheran. Neffe Ali gehört dem Parlamentsausschuss für
Energie an. Bruder Ahmad war lange Zeit Direktor der größten Kupfermine
Irans, Bruder Mahmud Gouverneur der heiligen Stadt Ghom. Um die
Genossenschaft der Pistazien-Pflanzer, die für fast 700 Millionen Euro
exportieren, kümmert sich Vetter Ahmed. Der jüngste Sohn Jasser betreibt
ein Gestüt in Lawasan, einer der teuersten Gegenden am Rande Teherans.

Nur der zweite Sohn Mehdi hat unangenehmes Aufsehen erregt, jedoch bloß
im Ausland. Obwohl er erst 34 Jahre alt ist, war er bereits Vizeminister
für Erdöl, hatte einen Direktorenposten bei der Nationalen
Gasgesellschaft und leitet das Großprojekt zur Verflüssigung von Gas als
Autotreibstoff. Im letzten Herbst durchforschte die norwegische
Finanzpolizei überraschend den Sitz der staatlichen Ölgesellschaft
Statoil in Stavanger. Sie suchte Unterlagen über eine Zahlung von 15
Millionen Dollar an eine Londoner Investment-Firma. Ein inzwischen von
seinem Posten zurückgetretener Statoil-Vizepräsident behauptet, bei
einem Treffen in Stavanger habe Mehdi Rafsandschani - der Norweger
spricht vom ¸¸Junior" - ein Erfolgshonorar von 15 Millionen Dollar für
die Vermittlung einer norwegischen Beteiligung an der Entwicklung des
Salman-Ölfeldes im Persischen Golf verlangt.

Das Honorar, oder ein Teil davon, hätte auch an eine der iranischen
Stiftungen gehen können. Effektiv wurden 5,2 Millionen auf das Konto
eines Mittelsmannes in der Karibik überwiesen. ¸¸Nichts als Gerüchte,
Tratsch und Propaganda", sagt dazu in Teheran der Familiensprecher
Mohammed Rafsandschani.

Wachsende Kluft

Auf die Barfüßler von ehedem und ihre Kinder rieselt nur wenig von
diesem materiellen Segen herab. Die Konservativen wissen, dass sie gegen
die wachsende Kluft zwischen Superreich und Bettelarm etwas tun müssen,
wenn ihr Erfolg bei der manipulierten Parlamentswahl vom Februar kein
Pyrrhus-Sieg werden soll. Denn Chatamis Regierung bleibt noch ein Jahr,
um die Startchancen eines Reformkandidaten bei der nächsten
Präsidentenwahl zu verbessern. In der neuen Madschlis, die seit Mai
amtiert, sitzen mehr Technokraten und Geschäftsleute als bisher. ¸¸Es
ist ihnen klar, dass sie nicht nur debattieren dürfen wie ihre
Vorgänger, sondern Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen müssen", sagt
Amir Mohebian. Er ist einer der Chefs der führenden konservativen
Zeitung Resalat und anerkannter Interpret der Sieger-Meinung.

¸¸Vielleicht wäre es besser, wenn wir kein Öl hätten. Wir sind ein
Rentiers-Staat", fügt er nachdenklich hinzu. Mindestens aber müsse mehr
Geld unter die Leute kommen. Das sei eine vordringliche Aufgabe für die
neue Riege. Chatami ist für den Analytiker ein guter Mensch, aber kein
guter Politiker. Manche unter den Konservativen seien liberaler als
Chatami, zum Beispiel der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates,
Hassan Rouhani, der mit den EU-Außenministern im letzten Herbst die
Beilegung des Streits über iranische Atomwaffen einleitete.

Für die beginnende neokonservative Ära prophezeit der Journalist
Mohebian ¸¸eine minimalistische Art des Regierens". Er ist gegen
Verbote, vor allem gegen die Schließung von Zeitungen, irrational nennt
er solches Vorgehen. Die Befürchtung, dass nach dem Wahlsieg der
Konservativen die Zügel generell kürzer gefasst würden, hat sich bisher
nicht bestätigt. ¸¸Wenn wir den Frauen den Schleier verordnen wollten,
dann würden sie das Kopftuch ablegen", so beschreibt der Journalist die
renitente Haltung der Iranerinnen und Iraner. Sie revoltieren nicht
offen, aber kümmern sich immer weniger um Verordnungen und Verbote.

Kopftuch auf dem Rückzug

Der Laden nennt sich ¸¸Hedschab" - nach der Verhüllung, die Frauen
vorgeschrieben ist. ¸¸Hedschab" steht in arabischer und lateinischer
Schrift auch auf den kastenförmigen Papiertüten, die denen westlicher
Boutiquen nachempfunden sind. Doch die Umhänge, die innen verkauft
werden, sind pastellfarben, plissiert, tailliert. Sie verhüllen
vorschriftsmäßig, aber nicht mehr. Es ist der neue Stil der Islamischen
Republik, mit dem sich die Neokonservativen abfinden. Sogar in den
Schaukästen im Basar sind schwarze Kopftücher auf dem Rückzug.

An der Bus-Station auf der anderen Seite der Dr. Motatteh-Straße warten
lange Schlangen auf den Transport in den Süden der Stadt. Behörden und
Büros haben gerade geschlossen. Die Frauen der schlecht verdienenden
Mehrheit tragen den Tschador. ¸¸Hedschab" indessen hat bis spät am Abend
geöffnet. Wie ein Geisterhaus liegt an der Straße abwärts hinter hohen
Mauern immer noch die Botschaft der USA, die von radikalen Studenten vor
25 Jahren besetzt wurde. Es ist die politisch kostspieligste Immobilie,
welche die Islamische Republik je erworben hat. Rafsandschani hat vor
einem Jahr über ein Referendum über die Wiederaufnahme der Beziehungen
zu den USA gesprochen. Und viele der Studentenführer von damals sind
heute Reform-Anhänger. Aber so leicht wie ein Kleidungsstück lässt sich
die Vergangenheit nicht abstreifen.

Für Ayatollah Mussawi Bodschnurdi sind Beschränkungen wie das
Verhüllungsgebot für Frauen wirkungslos, wenn sie nur unter Druck und
Einschüchterung befolgt werden. So etwas müsse freiwillig geschehen oder
gar nicht. Auf dem Boden liegen Stapel der Werke des Revolutionsführers
Chomeini. Der Ayatollah, rundlich, behäbig, freundlich, leitet das
vierstöckige Forschungsinstitut für Lehre und Werk des Staatsgründers.

Energisch wird Bodschnurdi immer dann, wenn der Islam mit Gewalt und
Terrorismus in Verbindung gebracht wird. ¸¸Nie darf ein Moslem um eines
politischen Vorteils willen töten", predigt er in der nahen Universität
und in Ghom. Seine Vorlesungen in Philosophie und Rechtswissenschaft
werden von 15 000 bis 20 000 Studenten gehört. Wer zur Gewalt greife,
infiziere sich damit, und die Infektion breite sich von einem Glied über
den ganzen Körper aus, sagt er. Tyrannenmord oder Widerstand will der
Ayatollah als ¸¸korrigierende Aktionen" gelten lassen. Nicht aber
Selbstmordattentate oder Anschläge wie in Palästina oder Madrid, die er
bedingungslos verurteilt. ¸¸Ich bin sehr beliebt bei Gebildeten", sagt
der Gelehrte mit stolzem Lächeln. ¸¸Was ich sage, ist Musik in ihren
Ohren." Ob er die Hauptrichtung der herrschenden Lehre vertrete? Das
Lächeln wird traurig: ¸¸Leider nicht."

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.125, Mittwoch, den 02. Juni 2004 , Seite 3

 
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Last modified: June 07, 2004